Tierzüchtung




Grundlagen einer artgemässen Tierzüchtung


Die Bedingungszucht schliesst das Schaffen artgemässer Bedingungen:
  • im physischen (Haltung, Stallbau),
  • im physiologischen (Fütterung, Bewegung)
  • und im seelischen (Betreuung, Zuwendung) Bereich mit ein.

Am wichtigsten ist die Optimierung der Bedingungen für jenen Bereich des Organismus, wo das Zentrum der Befindlichkeit der jeweiligen Tierart liegt. Dies lässt sich an den Organen der Tiere ablesen. Die Organsysteme von Mensch und Säugetier lassen sich nach Steiner in drei Bereiche gliedern:
  • die Nerven-Sinnes-Organisation (mit Schwergewicht im Kopfbereich),
  • die rhythmische Organisation (Blutkreislauf/Atmung; mit Schwergewicht im Brustbereich)
  • und die Stoffwechsel-Gliedmassen-Organisation (mit Schwergewicht im unteren Bereich des Organismus).

tierzucht.jpgEs lässt sich zeigen, dass die meisten Tierarten einen der drei Bereiche besonders deutlich ausdifferenziert und spezialisiert haben. Beim Rind sind dies einerseits die Extremitäten und andererseits die Verdauungs- und Stoffwechselorgane. Das Rind ist derjenige Wiederkäuer, der sich am stärksten auf Verdauung und Stoffwechsel konzentriert. Die ebenfalls hochdifferenzierten Extremitäten werden beim Rind im Wesentlichen in den Dienst der Verdauungs- und Stoffwechselorganisation gestellt: Das Rind geht, um zu fressen. Dies bedeutet, dass zu allererst die Fütterung für das Rind optimiert werden muss. Parallel ist an der Haltung und Betreuung zu arbeiten.

Vier wichtige Voraussetzungen für die Bedingungszucht
1. Auch bei der Bedingungszucht muss selektioniert werden. Voraussetzung dafür ist ein klares Zuchtziel. Die Zuchtziele sollten sich an der Verdauungs-/Stoffwechselorganisation orientieren:
Der Körperbau soll die Grundlage für eine gute, große Verdauungsleistung schaffen (z.B. tiefe Flanke).
Die Milchleistung sollte nicht unter 5000 l pro Jahr liegen, denn auch sie zeugt von einer guten Stoffwechselaktivität. Die Kuh muss über mehrere Laktationen gesund und kräftig sein und einen guten Charakter zeigen, wenn Jungtiere von ihr nachgezogen werden sollen.

2. Die Bedingungen müssen über Generationen konstant bleiben, sonst kann sich das Tier nicht gewöhnen, nicht orientieren und auch nichts Erfahrenes vererben. Dies bedeutet, dass die Haltungs-, Fütterungs- und Betreuungsbedingungen möglichst konstant bleiben.

3. Es sollten möglichst wenige Tiere zugekauft werden und wenn, dann nur von biologisch-dynamischen  Betrieben, die ähnlich wirtschaften.
Natursprung
4. Die Jugendentwicklung der Tiere darf nicht beschleunigt werden und sie sollten nicht zu früh gedeckt werden (dh mit ca. 2 Jahren).

Reproduktionstechniken
Für die biologisch-dynamische Rindviehzucht kommt nur der Natursprung als einzige wesensgemässe Befruchtungsmethode in Frage.

Quelle:
SPENGLER NEFF, A.; RIST, L.; RIST, M. (Hrsg.) (1997):
Studien zur biologisch-dynamischen Rindviehzucht [1]. Bericht, Johannes Kreyenbühl Akademie und Arbeitsgruppe Forschung des Vereins für biologisch-dynamische Landwirtschaft, Schweiz; CH-Reinach


MTK2Beurteilung der Konstitution von Milchkühen anhand der Ausprägung ihrer wesentlichen arttypischen Eigenschaften


In diesem Projekt werden Milchkühe in ihren Verdauungs- und Stoffwechseleigenschaften und in ihrem Temperament beobachtet. Diese Beobachtungen werden in Beziehung gesetzt zur Krankheitsanfälligkeit der jeweiligen Tiere. So soll ermittelt werden, ob und wie die Ausprägung der für das Tier wesentlichen arttypischen Eigenschaften in Zusammenhang steht mit seiner Gesamtkonstitution.

Methoden:
Das Wiederkauverhalten, die Kotkonsistenz, die Körperkondition und das Temperament von 60 Milchkühen einer Herde wurden unter für alle Kühe möglichst gleichen und möglichst guten Praxisbedingungen auf einem biologisch-dynamischen Betrieb in der Nordostschweiz beobachtet.


Ergebnisse (Auswahl, da die Auswertungen noch nicht abgeschlossen sind):
Wiederkauverhalten
Primipare Kühe wiederkauen schneller und mit mehr Kieferschlägen pro Bissen als multipare Kühe.
Die Milchleistung der Kühe war negativ korreliert mit den Kieferschlägen pro Bissen (p<0.05). Die Kauzeit pro Bissen war negativ korreliert mit der Mastitisinzidenz (p<0.05).

Temperament
Ruhige Kühe zeigten niedrigere Zellzahlen als nervöse (p<0.05).

BCS (Körper-Konditions-Beurteilung)
Die Standardabweichung des BCS korrelierte positiv mit den Inzidenzen von Stoffwechselkrankheiten,
Klauenkrankheiten und Fruchtbarkeitsproblemen. Der Mittelwert des BCS korrelierte positiv mit der Inzidenz von Stoffwechselkrankheiten (p<0.05).

Ausblick:
Insbesondere die Körperkondition, die Wiederkauzyklen und das Temperament der Tiere sollten in weiteren Milchviehherden und auf anderen Betrieben verfolgt werden, um die vorerst auf einem Betrieb gefundenen Zusammenhänge zu erhärten. In einem weiteren Schritt sollen Tiere mit einer besonders guten Konstitution (z.B. mit einer hohen Lebensleistung) speziell in den genannten Eigenschaften beobachtet werden und die Erblichkeit der beobachteten Eigenschaften soll erforscht werden.

Quelle:
SPENGLER NEFF, A.; SCHNEIDER, C.; SPRANGER, J. (2003): Beurteilung der Konstitution von Milchkühen anhand der Ausprägung ihrer wesentlichen arttypischen Eigenschaften. 7. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau; Wien, 24.-26. Februar 2003; 253-256 Volltext [2]