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Erklärungsmodelle für Präparate-Effekte



MechanikWenn wir im Bereich der Biologie nach Erklärungen für ungewöhnliche Ergebnisse oder Ereignisse suchen, fragen wir oft: Welcher Wirkungsmechanismus steht da wohl dahinter? Dabei wird uns nicht bewusst, dass dies eine völlig unpassende und sogar fehlleitende Frage ist. Denn der Begriff Mechanismus zeigt klar, dass wir an die unbelebte (mechanisch-physikalische) Welt und ihre spezifischen Gesetzmäßigkeiten denken. Bei den Vorgängen der Bodenbiologie, des regenwurmklein.jpgPflanzenwachstums und der Ertragsbildung dagegen handelt es sich ganz eindeutig um Lebensprozesse vieler verschiedener Organismen, nicht bloß um das mechanische ineinander Greifen, wie bei den Zahnrädern eines Getriebes. Daher kann uns unsere an der unbelebten Welt geschulte Wahrnehmung und Vorstellung keine hinreichenden Erklärungen für biologische Phänomene liefern. Wir müßten eher fragen: Welcher Wirkungsorganismus steht da dahinter? Einen hornmist.jpgsolchen Begriff haben wir aber nicht, was weniger ein sprachliches Problem als ein Defizit des Denkens und der Vorstellung ausdrückt. Über diesen Hintergrund sollten wir uns bewusst sein, wenn wir nach Erklärungen für Präparate-Effekte suchen.

Bislang wurde grundsätzlich in zwei verschiedene Richtungen versucht, Präparateeffekte zu erklären: Kausal, d.h. aus welchen Ursachen kann man die beobachteten Präparatewirkungen ableiten? Und final, d.h. was ist das Ziel der Präparatewirkung? Was “wollen” die Präparate? Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne eine abschließende Wertung abgeben zu wollen, möchte ich hier zwei mögliche Erklärungsmodelle beschreiben, welche dem kausalen bzw. finalen Ansatz entsprechen.


triebkr2.pngHypothese der Strahlungswirkung
Die Annahme einer Strahlungswirkung der Präparate stützt sich unmittelbar auf Steiners Äußerungen im Landwirtschaftlichen Kurs, wo er selber in der Fragenbeantwortung nach dem fünften Vortrag von der Kraftstrahlung der Kompostpräparate in einem Misthaufen sprach (Steiner, 1924). Diese Angaben wurden von Ingo Hagel in eine Versuchsanstellung umgesetzt, bei der er die Präparate in ein Reagenzglas eingeschweißt hat. Pflanzgefäße mit einem Boden-Sand-Gemisch und dem ganz unten eingelegten Reagenzglas wurden dann für eine Art Triebkrafttest benutzt, wobei also weder die Samen noch das Substrat unmittelbaren Kontakt mit der Präparatesubstanz hatten. Hagel (1988) beispielsweise hat nach solchen Versuchen von Präparateeinflüssen auf die Triebkraft von Samen berichtet und fand dadurch die Hypothese der Strahlungswirkung bestätigt. Bislang konnten allerdings entsprechende Versuchsergebnisse nicht sicher bestätigt werden, auch nicht von Ingo Hagel selbst.


elli.pngHypothese der Systemregulierung
Der Ausgangspunkt dieser Hypothese ist, dass die Präparate auf den Ausgleich extremer Wachstumsbedingungen zielen, damit die Pflanzen in einer eher harmonischen Situation wachsen können. Daher kann es vorkommen, je nach Situation, dass Präparatewirkungen in gegensätzliche Richtungen gehen. Die Hypothese stützt sich auf experimentelle Ergebnisse mit Erträgen in verschiedenen Jahren (siehe an anderer Stelle). In einer Reihe von Versuchen war es in Abhängigkeit vom Ertragsniveau entweder zu einer Steigerung oder zu einer Senkung des Ertrages gekommen, und bei mittlerem Ertragsniveau hatten die Präparate keinen Effekt. Auffallend war weiter, dass die Präparate keine klare Dosis-Wirkung-Beziehung zeigten, d.h. die Häufigkeit oder Menge der Präparateanwendung spielte in der Regel keine Rolle für ihre Wirkungen. Bereits Schaumann (1987) wies auf die regulierende, die produktiven und ordnenden Kräfte der lebendigen Natur stimulierende Wirkung der Präparate hin und verglich sie in ihrer Wirkungsweise mit homöopathischen Heilmitteln.

Dieser Hinweis eröffnet eine völlig neue Perspektive sowohl für die Präparateforschung als auch für die Präparateanwendung in der landwirtschaftlichen Praxis: die Präparate als eine Art Heilmittel zur besseren Entwicklung der Bodenfruchtbarkeit, des Pflanzenwachstums und damit des Betriebes insgesamt. Außerdem kann das Modell der Systemregulierung die (scheinbar) widersprüchlichen Versuchsergebnisse (mal gab es Ertragssteigerung, mal –absenkung) erklären.

Für die experimentelle Untersuchung dieser Art der Präparatewirkung sind Langzeitversuche nach wie vor von zentraler Bedeutung. Schade ist nur, dass solche Versuche aus vordergründig finanziellen Erwägungen in vielen Ländern eingestellt werden. Dadurch werden fundierte Untersuchungen zur Entwicklung der Bodenfruchtbarkeit aufgegeben.

Zitierte Literatur
HAGEL, I. (1988): Die biologisch-dynamischen Kompostpräparate 502-506 in Verbindung mit einem Treibkraft- und Selbstzersetzungstest. Lebendige Erde 1/88, 16-23

SCHAUMANN, W. (1987): Vom Wirken mit Stoffen. Lebendige Erde, Heft 1, 3 u. 5, 2-7, 130-132, 251-256

STEINER, R. (1924): Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft. Landwirtschaftlicher Kursus 1924. 5. Aufl. 1975. Rudolf Steiner Verlag, Dornach (CH)


Quelle des Textes:
RAUPP, J. (2009): Bodenfruchtbarkeit - Auswirkungen der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise auf Bodenparameter in Langzeitversuchen. .... (in Druck)

 

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